Bevor Soldaten das erste Mal auf der schwarzen Ledercouch von Dr. Karl-Heinz Biesold Platz nehmen, haben sie häufig eine Odyssee hinter sich. Denn niemand versteht, warum sie den Geruch von gegrilltem Fleisch nicht mehr ertragen oder bei jedem Hubschraubergeräusch zusammenzucken und in Deckung gehen. Sie sind verzweifelt, weil sie wegen Nichtigkeiten ausrasten und anfangen, Frau oder Kinder zu schlagen.
Weil immer mehr Bundeswehrsoldaten nach Auslandseinsätzen unter psychischen Problemen leiden, hat jetzt der Wehrbeauftragte der Bundeswehr, Reinhold Robbe, einen besseren Schutz der Soldaten vor seelischen Erkrankungen gefordert. Oberstarzt Dr. Karl-Heinz Biesold kennt dieses Problem genau. Der 56jährige ist Leiter der Abteilung Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus und therapiert seit zehn Jahren Soldaten, die unter "posttraumatischen Belastungsstörungen" (PTBS) leiden. "Die Soldaten werden die Bilder nicht los, die sie bei einem Einsatz erlebt haben", berichtet Biesold. Viele leiden unter Angstgefühlen, Herzschlag, Pulsrasen und steigendem Blutdruck. "Es können Depressionen auftauchen bis hin zum Suizid", so der Facharzt.
Dabei gilt: Je schwieriger die Auslandseinsätze verlaufen, um so häufiger treten psychische Erkrankungen auf. 1992 hatte die Bundeswehr ihren ersten Auslandsaufenthalt in Kambodscha. Es folgten Somalia, Bosnien, Kosovo und Afghanistan. Nach offiziellen Angaben der Bundeswehr wurden in den vergangenen zehn Jahren 1547 Fälle registriert. Davon hätten 640 Soldaten posttraumatische Störungen aufgewiesen.
Im Zeitraum 2003 bis 2005 waren es 200 Fälle bei heimkehrenden Soldaten der von der Nato geführten internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf). Die Zahl der an PTBS-erkrankten Bundeswehrsoldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren, stieg von 30 im Jahr 2003 auf 86 im vergangenen Jahr. Bei der seit 1996 in Bosnien bestehenden Friedensmission Sfor beziehungsweise Eufor sollen bislang 118 Fälle aufgetreten sein. Experten gehen jedoch davon aus, daß die Dunkelziffer weitaus höher liegen dürfte, da die Hemmschwelle, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, hoch sei.
Um die erkrankten Soldaten kümmern sich inzwischen in allen acht Bundeswehrkrankenhäusern Psychologen und Psychiater. Das Hamburger Krankenhaus ist das einzige mit dem Schwerpunkt "Psychotraumatologie". Biesolds Patienten kommen aus ganz Deutschland. Von den 1000 stationär behandelten Patienten leidet dabei ein Großteil an Einsatzstreßerkrankungen und posttraumatischen Störungen.
Bei der Behandlung der Patienten können die Ärzte auf Erfahrungen ihrer amerikanischen Kollegen zurückgreifen. Nach dem Vietnamkrieg tauchte der Begriff der "posttraumatischen Störung" das erste Mal in den USA auf. Von den drei Millionen US-Soldaten litten etwa 500 000 an schweren psychischen Schäden. "Es gab amerikanische Soldaten, die nach Ende des Vietnamkriegs jahrelang in Wäldern lebten", erzählt Biesold. Die Soldaten hatten die Bedrohung durch den Vietkong nicht verarbeitet und konnten sich nicht mehr in Häusern aufhalten.
Die Behandlung der traumatisierten Soldaten erfolgt in drei Schritten. Zuerst müssen sie sich erholen, damit sie nicht mehr von den Panikattacken überrollt werden. Dann erfolgt die Traumabearbeitung. In der dritten Phase werden die Soldaten wieder in ihren beruflichen und familiären Alltag intergriert. Mehr als die Hälfte der Soldaten kehrt schließlich in den Bundeswehrdienst zurück, wenn auch nicht alle wieder in einem Auslandskommando eingesetzt werden.
Quelle: Hamburger Abendblatt |